WM-Bronze im Teamsprint, zuvor Gold im Skiathlon und dann noch zwei Silbermedaillen über 50 km und in der Staffel. Eigentlich hätte Alexander Bolschunow in Oberstdorf allen Grund zur Freude gehabt. Vier Medaillen beim Saisonhöhepunkt, eine starke Leistung.
Doch Bolschunow war gar nicht nach feiern zumute. Er war sauer und enttäuscht über seinen Teamsprint-Partner Gleb Retiwich. Dieser hatte es auf seiner Schlussrunde nämlich nicht geschafft, den von Bolschunow auf Norwegen und Finnland herausgelaufenen Vorsprung zu halten.
Stattdessen ließ er sich nicht nur vom Norweger Johannes Hösflot Klaebo und dem Finnen Joni Mäki einholen, sondern musste beide auch noch ziehen lassen. Norwegen holte Gold, Finnland Silber, Retiwich kam als Dritter ins Ziel. Nur als Dritter aus Sicht von Bolschunow.
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Weiterer Coronafall bei der WM in Oberstdorf
02/03/2021 AM 13:18
Denn für den ehrgeizigen Russen, der in Podywotje, einem kleinen Dorf nahe der russisch-ukrainischen Grenze, aufgewachsen ist, zählt nur der Sieg. "Bereits Silber und Bronze ist für ihn eine Niederlage", macht Wintersport-Expertin Valeria Kukaleva von Eurosport Russland deutlich.
Und so machte Bolschunow auch keine Anstalten, seinem Partner Retiwich, der völlig ausgepumpt im Ziel lag, zu Bronze zu gratulieren oder ihn gar zu trösten, wie es sonst bei Mannschaftswettbewerben üblich ist. Er würdigte seinen 29-jährigen Landsmann keines Blickes.
Erschwerend kommt in der Beziehung der beiden hinzu, dass beide zu unterschiedlichen Trainingsgruppen gehören. Zwischen diesen Gruppen gibt es innerhalb der russischen Mannschaft immer wieder Spannungen und Konflikte.

"Ist das ein Antritt!" Kläbo lässt die Konkurrenz im Finale stehen

Retiwich klagte nach Teamsprint: "Bolschunow änderte die Taktik"

Diese Reaktion sorgte nicht nur bei der Konkurrenz für Ärger - Teamsprint-Weltmeister Valnes nannte Bolschunows Verhalten "inakzeptabel" - sondern auch in seiner Heimat. "Nicht jeder hat sein Verhalten nach dem Teamsprint verstanden - vielleicht, war es zu egoistisch", so Kukaleva.
Egoistisch war nicht nur seine Reaktion im Ziel, sondern offenbar auch seine Gestaltung des Rennens im Finale, wie Retiwich dem norwegischen Sender "NRK" erzählte. "Wir hatten unsere Taktik im Finale abgesprochen. In der zweiten Runde veränderte er diese aber. Dazu war ich aber noch nicht bereit. Ich denke, das hat meine letzte Runde ruiniert. Ich hatte da keine Energie mehr", so der Mann aus Tschaikowski.
Wenn sich Bolschunow an die Absprachen gehalten hätte, wäre es womöglich Gold geworden, doch dazu hätte er über seinen Schatten springen müssen. "Er kommuniziert nur sehr selten mit anderen russischen Langläufern. Er zieht es vor, alleine zu sein. Trainingsspartner braucht er auch nicht", erklärt Kukaleva.

Russen respektieren Bolschunow: "Aber er ist rätselhaft"

Auch deshalb sind seine Landsleute zwiegespalten: "In Russland respektieren wir Bolschunow, er ist neben den Eiskunstläuferinnen unser bester Wintersportler, aber verstehen ihn nicht immer. Er ist sehr, sehr rätselhaft", sagt Kukaleva.
Da verwundert es auch nicht, dass Bolschunow wenig von Medienterminen hält. Selbst auf die üblichen Interviews in der Mixed-Zone nach den Rennen würde er am liebsten verzichten.
So war es dann schon fast eine Besonderheit, dass sich der 1,85 cm große Modellathlet nach dem Teamsprint zu seiner Nicht-Gratulation äußerte. "Ich war noch in der Wechselzone und enttäuscht über das Ergebnis. Dann habe ich mich erholt, durchgeatmet und bin zu ihm hin", erklärte Bolschunow.
Dass der 24-Jährige überhaupt etwas dazu sagte, lag womöglich auch daran, dass der vierfache Olympia-Medaillengewinner aktuell auf Bewährung läuft. Die FIS verurteilte ihn für seinen Komplett-Ausraster in der Weltcup-Staffel in Lahti Ende Januar, bei dem er zunächst im Zielsprint nach dem Finnen Mäki mit dem Stock schlug und ihn anschließend im Zielbereich umrammte, zu einer Bewährungsstrafe.
Fünf FIS-Rennen lang darf er sich nichts zu Schulden kommen lassen, ansonsten wird er für zwei Weltcup-Veranstaltungen gesperrt.

Stockschlag und Bodycheck: Bolschunow dreht völlig durch

Rennausschluss würde Bolschunow sehr weh tun

Welche Vergehen darunter fallen, wurde jedoch nicht konkretisiert. Im Zweifelsfall könnte auch schon das Verweigern von Interviews in der Mixed-Zone, wozu die Athleten verpflichtet sind, zum Rennausschluss führen.
Und ein solcher Rennausschluss wäre für Bolschunow wohl das Schlimmste, was man ihm antuen könnte. "Sein Lebensmotto lautet 'viel trainieren und Wettkämpfe bestreiten'", so Eurosport-Expertin Kukaleva.
Mit seinem Bodycheck gegen Mäki sorgte Bolschunow auch außerhalb der Langlauf-Welt für Schlagzeilen und wurde zum "Bad Boy". Bei einem Gericht in Lahti wurde er sogar dafür angezeigt.
Immerhin bereute der Russe bei "NRK" sein Verhalten: "Ich sehe ein, dass das nicht richtig war, was ich im Ziel gemacht habe. Es tut mir leid, ich werde das nicht mehr tun."

Der erste Teil des Eklats von Lahti: Alexander Bolschunow (l.) schlägt nach Joni Mäki mit dem Stock

Fotocredit: Getty Images

Bolschunow beorderte seine Verlobte zur WM

Wer seine Sichtweise auf den Sport kennt, könnte dies aber bezweifeln. "Er fasst Sport als Krieg auf und hat noch nicht verstanden, dass das nicht korrekt ist", erklärt Kukaleva.
Und bekanntlich ist im Krieg und der Liebe alles erlaubt. Apropos Liebe: Als Verlobter der russischen Langläuferin Anna Scherebjatjewa sorgte er ebenfalls für einen kleinen Skandal. Obwohl die U23-Weltmeisterin von 2019 zuletzt keine guten Resultate holte und es sogar bessere Athletinnen gäbe, wurde sie für den Nationalkader nominiert. In der laufenden Weltcup-Saison kam sie jedoch im Sprint von Val Müstair zum Einsatz, scheiterte dort aber in der Qualifikation.
Insider berichten, dass Scherebjatjewa dank Bolschunows Fürsprache und Schutz im Kader bleiben durfte und sogar bei der WM vor Ort ist, obwohl die 24-Jährige an keinem Rennen teilnehmen wird. Ein Grund soll sein, dass Bolschunow bessere Leistungen zeigt, wenn sie in seiner Nähe ist.

Bolschunow hat noch drei Medaillenchancen in Oberstdorf

Nach seinem Gold im Skiathlon, sein erster Titel bei einem Großereignis überhaupt, herzte er seine Verlobte und gab ihr einen Siegerkuss. Überhaupt schien an diesem Tag alles gut zu sein. Selten sah man ihn so laut und euphorisch jubeln wie nach dem Sieg gegen die schier übermächtigen Norweger, die er auf die Plätze verwies.

So euphorisch sieht man ihn selten: Alexander Bolschunow jubelt über sein WM-Gold im Skiathlon in Oberstdorf

Fotocredit: Getty Images

Nur einen Tag später sah angesichts von Bronze bekanntlich alles wieder ganz anders aus. Und auch die Silbermedaillen in der Staffel sowie über 50 Kilometer trugen nicht gerade zur Begeisterung des Russen bei.

Bewegender Moment: Bolschunow in Tränen, Erzrivale Klaebo tröstet

Ob er nach den Rennen Siegerküsschen verteilt oder frustriert das Langlaufstadion verlässt, hängt vor allem davon ab, ob die gewonnende Medaille aus Gold ist. Alles andere zählt für ihn ja nicht.
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