Kevin Krawietz hat dieser Tage im Eurosport-Studio eine ziemlich aufschlussreiche Geschichte über Alexander Zverev erzählt.

Ein paar Tage vor Start der US Open war die Siegertrophäe in der Hotellobby der Spieler ausgestellt worden. Doppel-Spezialist Krawietz und Einzel-Hoffnung Zverev, da gerade erst in seinem Auftaktmatch des Cincinnati-Masters an Andy Murray gescheitert, trafen aufeinander und verabredeten sich für eine Runde Konsolen-Zocken.

US Open
Zverevs verrückte Reise: "Ich kann es mir auch nicht erklären"
12/09/2020 AM 09:28

Dann, so erzählte es Krawietz, deutete Zverev plötzlich auf die US-Open-Trophäe und sagte: "Schaut ganz gut aus. Soll ich mir die holen?"

Und Krawietz antwortete: "Klar. Warum nicht?"

"Soll ich mir die Trophäe holen?" Krawietz mit Anekdote über Zverev

Was vor zwei Wochen noch wie ein nur halbernst gemeinter Witz klang, könnte am Sonntag Realität werden - denn Zverev, das muss man so nochmal Schwarz auf Weiß lesen, hat es tatsächlich ins Finale der US Open geschafft.

Zverev - Thiem: Becker ist elektrisiert

Sein Gegner wird nicht Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer heißen. Aber Dominic Thiem, der designierte Thronfolger der "Big Three", der Spieler, der mit drei Finalniederlagen bei Majors - 2018 und 2019 bei den French Open gegen Nadal 2020 bei den Australian Open gegen Djokovic - zuletzt am nächsten dran war, die Dominanz der Elite zu durchbrechen.

Und damit eine harte Nuss.

"Thiem klopft am lautesten an die Tür der großen Drei", sagt auch Boris Becker vor dem "Traumfinale" am Sonntag, das den Eurosport-Experten regelrecht elektrisiert: "Hätte ich mir eins wünschen können, dann so. Ich finde es hervorragend, dass es einen neuen Tennis-Champion geben wird, der Deutsch spricht. Die beiden stehen auch zu Recht im Finale."

"Traumfinale": Becker macht Lust auf Zverev gegen Thiem

Alexander Zverev selten zufrieden mit sich

Die Mehrheit der Tennis-Experten räumt Zverev im Endspiel (ab 21:45 Uhr live bei Eurosport) allerdings nicht gerade viele Chancen ein. Auch bei den Sportwettenanbietern ist der 23 Jahre alte Deutsche gegenüber seinem vier Jahre älteren Kumpel aus Österreich klarer Außenseiter.

Zu inkonstant spielte der Deutsche in den Wochen von New York, zu sehr haderte mit seinem Spiel. Lauschte man seinen Interviews Runde für Runde, war er gerade mal mit einer Handvoll seiner 23 gespielten Sätze zufrieden. Er trainiere besser, als dass er spiele, sagte er immer wieder.

Während Thiem am Freitagabend zielstrebig und effektiv den bis dato ohne Satzverlust förmlich durchs Turnier schwebenden Daniil Medvedev 6:2, 7:6, 7:6 besiegte (Medvedev: "Dominic hat wie ein Champion gespielt"), profitierte Zverev bei seinem 3:6, 2:6, 6:3, 6:4, 6:3-Husarenstück gegen Pablo Carreño Busta auch von einer Rückenverletzung seines Gegners, die den Spanier nicht mehr hart aufschlagen ließ. "Thiem war klar der beste Spieler im Halbfinale", sagte Eurosport-Experte Mats Wilander stellvertretend für die Meinung vieler.

Dazu kommt die fehlende Finalerfahrung des Deutschen bei einem Grand Slam. Thiem sei es "gewohnt, auf diesem Level zu spielen. Das ist schon ein Vorteil", sagt sogar Zverev selbst. "Sascha betritt unbekanntes Terrain, vielleicht braucht er ein bisschen, um sich an dieses Szenario zu gewöhnen", mutmaßt Becker. Thiem dagegen sei vorbereitet: "Dominic war schon in drei Finals, er weiß also, was ihn erwartet - deswegen ist er für mich der Favorit."

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Thiem von Zverev beeindruckt

So spricht vor dem Endspiel nicht viel für Zverev - außer er selbst. Mit welcher Widerstandsfähigkeit sich der 23-Jährige durch das Turnier gespielt hat, hat nämlich auch Thiem beeindruckt. "Er hat sich super gesteigert, unglaublich gesteigert in diesem Turnier. Er kann es genauso gewinnen", sagte der Österreicher: "Er ist ein wahnsinnig guter Spieler, der schon alles außer einem Major gewonnen hat."

Dass Zverev bei Grand-Slam-Turnieren gegen Top-Ten-Spieler eine Bilanz von 0:7 und gegen Thiem eine von 2:7 hat - am Sonntag ist das alles egal. "Die gute Bilanz gegen Sascha hilft mir da gar nicht", sagte der 27-Jährige. " Wir werden beide alles dafür tun, dass wir unseren großen Traum erfüllen. Wir werden beide großen Druck haben. Wir haben beide hart gearbeitet für diesen Moment, diese Chance."

Beim ersten Grand Slam des Jahres war Zverev schon nahe dran gegen Thiem, zog im Halbfinale der Australian Open beim 6:3, 4:6, 6:7, 6:7 aber noch knapp den Kürzeren. "Da hätte auch Zverev gewinnen können", sagt Becker heute. "Ich erinnere mich gerne zurück, weil wir beide wirklich großartiges Tennis gespielt haben", sagte Thiem am Freitag: "Hoffentlich wird es ein ähnlich gutes Match am Sonntag."

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Zverevs Aufschlag muss kommen

Ein Schlüssel zum Sieg wird dabei definitiv Zverevs Aufschlag sein. Klemmt er, wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gewinnen. Kommt er, kann er Thiem vor große Probleme stellen.

"Er ist einer der besten, wenn nicht der beste Aufschläger", sagt der Österreicher, der großen Respekt vor dem Service des Deutschen hat: "Sein erster Aufschlag ist nicht von dieser Welt, so schnell, so präzise. In erster Linie muss ich also gut returnieren und den Ball ins Spiel bringen."

Nichtsdestotrotz freue er "sich auf das Endspiel gegen Sascha. Wir haben eine tolle Freundschaft und auch eine tolle Rivalität auf dem Platz. Es ist unglaublich, dass wir uns in einem Grand-Slam-Finale gegenüberstehen. Es heißt Alles oder Nichts, es wird ein komplett offenes Match."

Zverev ist selbstkritischer geworden

So spricht also doch noch was für Zverev: Seine bloße Weigerung, Matches zu verlieren. Weil er im Endspiel auch weniger zu verlieren hat als Thiem in dessen vierten Grand-Slam-Finale.

Der Deutsche ist reifer geworden in den letzten Monaten Tennispause, das merkt man. Auch selbstkritischer. "Das war er nicht immer", sagte Becker am Samstag: "Das ist vielleicht der Unterschied: Er ist erwachsener. Früher hat er sich zu oft gelobt, wo wir vielleicht dachten: Das war jetzt nicht so gut."

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Spätestens in New York hat Zverev aber erkannt, dass im Tennis nicht nur schnelle Aufschläge und harte Returns zum Sieg führen. "Manchmal spielt man eben nicht sein bestes Tennis. Wichtig ist, dann trotzdem einen Weg zu finden, zu gewinnen", sagte er. Wie im Halbfinale.

Schüttler beeindruckt

"Für mich eine Wahnsinnsleistung", rühmte der letzte deutsche Grand-Slam-Finalist vor Zverev, Rainer Schüttler, den neuen deutschen Tennis-Star bei "ran.de": "Vor allem diese Nervenstärke, so ein Match noch zu drehen. Das war extrem beeindruckend."

Er hoffe nur, dass es Zverev im Endspiel nicht so ergehe wie ihm 2003 bei den Australian Open gegen Andre Agassi - 2:6, 2:6, 1:6 hieß es am Ende einer extrem einseitigen Partie.

Zverevs Selbstbewusstsein ist allerdings trotz aller (selbst-)kritischen Worte über sein Spiel intakt. "In einem Grand-Slam-Finale treffen die zwei besten Spieler der Welt aufeinander", sagte er am Freitag. Er selbst zählt sich dazu. "Ich freu mich, dass ich überhaupt hier bin, aber ich will es auch gewinnen. Es ist noch ein Schritt zu gehen."

Einmal in Fahrt, zieht Zverev durch

Hat er seinen Gegner dort, wo er ihn haben will, konnte er es in New York auch immer wieder klinisch runterspielen. So besiegte er Kevin Anderson nach Satzausgleich, Brandon Nakashima nach Satzausgleich, Adrian Mannarino nach Satzrückstand, Borna Coric nach 1:6, 2:4 und eben Carreño Busta. "Von 0:2-Sätzen zurückzukommen, ist nicht einfach. Aber ich habe es geschafft", sagte Zverev nicht ohne Stolz.

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Weil auch die Grundvoraussetzungen stimmen. "Das ist für mich die Story des Turniers: Er ist so stark, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen habe. Sein Kampfgeist, seine physische Verfassung ist besser als bei jedem anderen", meint Becker. "Am Ende hatte er das Auge des Tigers, er hat nicht mehr zurückgeschaut und sein Spiel voll durchgezogen", lobte Becker nach dem Halbfinale.

Der Head of Men's Tennis hofft jedoch, "dass er im Finale besser startet. Wenn er dort 0:2-Sätze hinten liegt, wird sich der Österreicher das nicht nehmen lassen." Ins selbe Horn stößt auch Wilander. "Für mich ist Thiem der klare Favorit. Er ist so viel reifer geworden, spielt so gutes Tennis, man kann ihn wirklich schon auf einer Stufe mit den 'Big Three' sehen - er hat eben nur noch nichts gewonnen", sagt der Schwede.

Unruhige Nacht für Thiem?

Was allerdings schon ein bisschen an Thiem nagt und ihn eventuell auch unruhig schlafen lässt. Wenn er das Finale erneut verlieren würde, müsse er "mal bei Andy Murray" anrufen, scherzte Thiem bereits unmittelbar nach seinem Halbfinalsieg überraschend sarkastisch. Murray hatte einst vier Grand-Slam-Finals Anlauf gebraucht, ehe er 2012 die US Open gewann.

Die Niederlage bei den Australian Open in fünf Sätzen gegen Djokovic sei "hart zu verarbeiten" gewesen, meinte Thiem ehrlich: "Natürlich spüre ich Druck, aber ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken."

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Was ihm der Titel bedeuten würde, daraus macht er keinen Hehl. "Es ist das größte Ziel und der größte Traum meiner Tennis-Karriere, zumindest seit dem Moment, in dem ich realisiert habe, dass ich es schaffen kann, spätestens aber seit meinem ersten Finale bei den French Open 2018", sagte der Österreicher: "Jetzt ist die Chance wieder da und ich will sie nutzen."

Wollen gegen Können - so lässt es sich vielleicht ganz gut beschreiben. Wie einer, dem kurz vor dem Turnier in einer Hotellobby eingefallen ist, er könnte sich diese Trophäe vielleicht holen, wirkt Thiem nämlich definitiv nicht.

WER GEWINNT DAS FINALE DER US OPEN?

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